Kapitel 2.3: Tipps zur Fotoauswahl und Motiven für ein Fotobuch

Mirja HespeVon Mirja Hespe

Die Autorin Mirja Hespe ist professionelle Fotobuchdesignerin und schreibt für FM* – Das Fotobuch Magazin die Tipps zur Fotobuchgestaltung. In 12 Kapiteln zeigen wir Euch, wie man mit einfachen Tipps mehr aus seinen Fotobüchern machen kann.

 


Das eigene Fotobuch gestalten mit Gespür, Kreativität und Einfallsreichtum

Die beste Story wird zum Flop, wenn die Filmbesetzung schlecht ist. Somit geht es im folgenden Abschnitt um die Entstehung der „Akteure“ des Fotobuches – den Fotografien.

Wer an dieser Stelle Gespür, Kreativität und Einfallsreichtum beweist, wird letztendlich die besten Voraussetzungen für ein individuelles und außergewöhnlich gutes Fotobuch haben.

Nachdem es heutzutage möglich ist, kostengünstig sehr viele Aufnahmen zu machen, ist es durchaus ratsam diese Möglichkeit auch zu nutzen. Natürlich sollte man es dennoch nicht übertreiben, denn je mehr Bilder man hat, desto mehr Zeit muss man gegebenenfalls später auch für das Sichten und Aussortieren der Fotos aufwenden.

Auf der anderen Seite ist es hilfreich, mehr als nur eine Aufnahme von einer Situation zu machen, um später in der Gestaltung nicht allzu eingeschränkt zu sein.

An dieser Stelle machen wir zur Verdeutlichung einen kurzen Sprung in die Seitengestaltung eines Fotobuches. Schlägt man einen Bildband auf, wird man bemerken, dass die rechte und linke Buchseite immer miteinander harmonieren. Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber prinzipiell werden Doppelseiten aufeinander abgestimmt, was Farben, Formen, Schriften, Bilder, also den gesamten Seiteninhalt betrifft. Eines der Geheimnisse der Fotobuchgestaltung liegt also darin sich stets einer gesamten Doppelseite zu widmen und diese möglichst nur einer Thematik (einem Reisestopp, einem Zeitbezug, einer bestimmten Stimmung etc.) zu widmen.

Nehmen wir die Bilder eines Hochzeitstages. Wenn nicht gerade ein Fotograf für diesen Tag bestellt wird sondern ein Familienmitglied diese Aufgabe übernehmen soll, dann gehen in der Aufregung schon mal wichtige Details unter. Oftmals beginnt der große Tag mit der kirchlichen Trauung. Dann wird zwar noch daran gedacht die Kirche zu fotografieren und sicher auch noch das Brautpaar vor dem Altar und natürlich der wichtige Moment des Ringtausches oder des Kusses…

 

 

… aber andere schöne Details bleiben verborgen. Details, die das Brautpaar an seinem großen Tag vielleicht sogar auch nur flüchtig wahrnimmt und über die es sich freuen würde, sie später im Fotobuch wieder zu entdecken.

Wurden also die wichtigsten Momente fotografisch festgehalten, wie z.B. die drei oben abgebildeten Fotos, so stellt sich später noch die Frage, wie man mit diesen zwar schönen, aber dennoch lediglich drei Bildern eine schöne Doppelseite gestalten soll? Noch wahrscheinlicher als nur wenige Aufnahmen der kirchlichen Trauung zu haben ist es sogar, viele Aufnahmen zu haben, die aber nicht miteinander harmonieren und die nicht diesen bewegenden Moment wiederspiegeln können.

Egal ob zu wenige Aufnahmen oder nicht die richtigen, beides erschwert die spätere Gestaltung des Fotobuchinhalts und führt im ungünstigsten Fall zu unharmonischen Seiten, wie das nachfolgende Beispiel zeigt.

 

 

Gerade an solch einer Stelle wäre es sinnvoll, mindestens eine Doppelseite mehr einzuplanen, um die unterschiedlichen Stimmungen gebührend wiedergeben zu können. Jede einzelne Aufnahme der oben gezeigten Doppelseite ist für sich schön und aussagekräftig und weckt mit Sicherheit insbesondere beim Brautpaar wunderbare Erinnerungen. Noch besser zur Geltung kommen würden die Fotos jedoch, wenn auf einer Doppelseite nur die Bilder der Trauzeremonie abgebildet wären, da sich der Betrachter auf eine Stimmung einlassen könnte und die ergreifende Atmosphäre noch spürbarer wäre. Die fröhliche und lockere Stimmung nach der Kirche gehört definitiv auf eine andere Doppelseite.

Somit zurück zur Motivwahl. An diesem Punkt der Vorbereitung kommt es also nicht nur darauf an für ausreichend Bildmaterial zu sorgen sondern auch und vor allen Dingen für das Richtige.

Bei dem zuvor genannten Hochzeitsbeispiel spielt die Stimmung in der Kirche eine große Rolle. Dazu wäre es schön (möglichst diskret) die gerührten Gesichtsausdrücke des Brautpaares und der Gäste einzufangen und ein paar romantische Details in der Kirche zu fotografieren. Vielleicht den Blumenschmuck auf dem Altar oder an den Bänken, Kerzen oder Engel in der Kirche. Dazu ggf. die Musiker, Malereien und Besonderheiten, die die Kirche selbst zu bieten hat.

 


 
Albelli

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Auch macht es Sinn über einen Wechsel der Perspektive nachzudenken. Kann man vielleicht von einer Empore herunter fotografieren? Oder einfacher; wie bei dem Bild von dem Brautpaar in der nachfolgenden Bilderreihe einfach nur in die Knie gehen und sich so quasi auf Augenhöhe des sitzenden Brautpaares begeben. Dieser Blickwinkel verschafft gleich wieder viel mehr Nähe zum Brautpaar, denn als Betrachter fühlt man sich fast, als würde man selbst mit in der Kirche sitzen.

Für etwas versiertere Fotografen bietet es sich auch an, mit Schärfe und Unschärfe zu spielen. Das Brautpaar wird in dem Fotobuch sicher sehr häufig abgebildet und da kann man den Bräutigam oder die Braut auch einmal verschwimmen lassen und etwas anderes in den Vordergrund stellen.

 

Abwechslung und schlüssige Geschichte im Fotobuch

Die Fotos einer Hochzeit sind eines von vielen möglichen Beispielen. Allgemeingültiger gesprochen gilt, bereits beim Fotografieren das Ziel im Auge zu behalten. Nämlich, später ein abwechslungsreiches Fotobuch gestalten zu können, durch das eine schlüssige Geschichte erzählt wird.

Als Anhaltspunkt sollen folgende acht Tipps dazu dienen dieses Ziel zu erreichen. Auch hier gibt es zur Veranschaulichung jeweils ein paar praktische Beispiele.

 

Motive im Fokus

Ohne Zweifel gibt es gute Schnappschüsse und ohne Zweifel gibt es Momente in denen man auf gute Schnappschüsse hoffen muss. Vielleicht weil man nicht die Zeit hat, sich lange auf einen Moment vorzubereiten, weil das Motiv unerwartet auftaucht, weil man aus einem Bus fotografiert usw. Wenn möglich sollte man sich und seine Kamera jedoch auf irgendein Motiv fokussieren. Sonst ärgert man sich hinterher z.B., dass es kein einziges Foto gibt, auf dem der Eiffelturm komplett drauf ist sondern immer die Eiffelturmspitze fehlt.

Oder dass der Jubilar auf allen Fotos unscharf ist, weil man ihn nie richtig in den Fokus genommen hat oder weil man bei manchen Fotos nachher selbst nicht mehr weiß, was man mit dem Bild eigentlich festhalten wollte, weil es so aussagelos ist. Ebenfalls lästig ist es, wenn ständig jemand durchs Bild läuft oder man später auf allen Fotos die Hinterköpfe seiner Mitreisenden sieht. Dies zu vermeiden, erfordert manchmal einfach Geduld oder auch einen Wechsel der Perspektive…

 

Wechsel der Perspektive

Ändert man seinen Standort als Fotograf nur minimal, kann dies schon eine enorme Wirkung haben. Nicht nur, um Störfaktoren „aus dem Weg zu gehen“ sondern auch um erstaunliche und überraschende Effekte erzielen.

Manchmal erfordert es Mut, weil man in dem Moment als Fotograf vielleicht nicht die beste Figur macht, wenn man auf dem Rücken vor einem Hochhaus liegt. Dafür wird man mit einer außergewöhnlichen Aufnahme belohnt. Manchmal bedarf es aber auch gar nicht allzu großer Verrenkungen. Dann genügt es schon, die Kamera etwas hoch zu halten oder einfach, wie bei dem obigen Hochzeitsbeispiel, in die Knie zu gehen.

Alternativ könnte man auch einmal aus einer erhöhten Position fotografieren. Von einem Poller, einer Mauer oder, um noch einmal zur Hochzeit zurück zu kommen, von einer Bank oder einem Stuhl, um von oben die Hochzeitstorte oder die tanzenden Gäste zu fotografieren. Letzteres hat zudem wahrscheinlich noch den positiven Effekt, dass man ein überraschtes Lachen auf die fotografierten Gesichter zaubert.

Ein schöner „Rahmeneffekt“ ergibt sich z.B. auch, wenn Sie durch etwas hindurch fotografieren.

Ein anderer Aspekt zum Thema Perspektivenwechsel ist, die Kamera vielleicht einfach einmal aus der Hand zu geben. Kinder sehen die Welt zum Beispiel mit ganz anderen Augen. Je nach Alter des Kindes gelingen vielleicht nicht alle Aufnahmen, aber dafür gibt es neue Impulse. Zudem können Kinder auch leichter Personen aus der Reserve locken, die sonst für Fotos nicht so leicht zum Lachen zu bringen sind.

 

 

Bilder für Hintergründe

Eine schöne Abwechslung im Fotobuch ist eine Seite, die komplett mit einem Hintergrundbild bedruckt ist, wie bei diesem Beispiel:

 

 

Negativbeispiel: Wichtig dabei ist, dass das Hintergrundbild zwar etwas aussagt, aber dass es die Seite trotzdem nicht überfrachtet, wie bei dem folgenden Negativbeispiel. Hier liegen die kleinen Fotos über „wichtigen“ Bildinformationen des großen Fotos.

 

 

Lassen Sie Ihren Blick für solche Aufnahmen auch mal in die Ferne schweifen. Achten Sie darauf, dass die Bilder nicht allzu viele Details enthalten und Raum dafür lassen, Teile des Bildes später mit anderen Bildern überdecken zu können. Dafür darf die Wiese im Vordergrund dann auch mal etwas mehr Platz auf dem Foto einnehmen, als sie es tun sollte, wenn man das Bild einzeln rahmen würde.

Oder man fotografiert einfach einmal nur den Strand. Ohne eine Person, eine Muschel oder irgend etwas anderes darauf. Oder nur das Gras, den Himmel, den gefrorenen See, einen Fussboden, ein Gewölbe etc. Auf jeden Fall sollte man schon recht gezielt nach guten Hintergrundbildern Ausschau halten.

 

 

An Details für das Fotobuch denken…

Wie schon bei dem obigen Hochzeitsbeispiel erwähnt, ist es ganz wichtig an die Details zu denken. Diese lockern das Buch später auf, erinnern an Kleinigkeiten und stellen Dinge in den Vordergrund, die sonst vielleicht keine Beachtung finden würden.

 

  • Bei Babybüchern sind das natürlich Nahaufnahmen der Hände und Füsse. Hier sollte man aber auch nicht das Lieblingskuscheltier vergessen, vielleicht die Spieluhr, den Schnuller…
  • Bei Feierlichkeiten die Details der festlich geschmückten Tafel, wie Menü, Kerzen, Blumen, sonstige Deko…
  • Beim Hobby, wie dem Oldtimer-Sammeln: die einzelnen Schrauben, die schmutzigen Hände, das Werkzeug, den Kilometerstand, den Schriftzug am Oldtimer, Vorher-Nachher Bilder von Details…

 

 

Klischees versus Überraschendes

Zur Verdeutlichung bietet sich ein Fotobuch zu einer Rundreise durch China an. Vor Reiseantritt haben die meisten Besucher dieses vielfältigen und faszinierenden Landes bestimmte Stereotype vor Augen, die sie gerne sehen und möglichst auch fotografisch so gut wie möglich einfangen möchten. Je nach genauem Reiseziel gehört in den meisten Fällen sicherlich die Große Mauer dazu, exotische Essensmärkte, Reisfelder, Menschen bei Tai Chi Übungen, Chinesen bei der Nudelherstellung etc. Bei Sehenswürdigkeiten ist es relativ einfach diese Liste abzuhaken. Was aber gerade bestimmte Assoziationen mit Menschen angeht und wer diese unbedingt abgebildet haben möchte, tut gut an einem Brainstorming und einer Liste zum Abhaken. Das ist natürlich sehr akribisch, ggf. aber hilfreich, um sich später nicht zu ärgern. (An dieser Stelle auch noch einmal der Hinweis auf Hochzeiten: sind alle Gäste einmal abgelichtet worden, gibt es ein Foto vom Tortenbuffet, vom Brautstraußwurf etc.)

Auf der anderen Seite sollte man die Augen offen halten. Die zuvor genannten „Klischee-Fotos“ tauchen wahrscheinlich in jedem Reise-Fotobuch von China auf. Für überraschende Fotos muss man allerdings schon aufmerksamer oder kreativer sein. Z.B. die lustig ins englisch übersetzten Warnschilder in Blumenbeeten oder am Wegesrand:

 

 

Das Alltägliche nicht vergessen

Häufig ist man beim Fotografieren zu sehr darauf konzentriert das Außergewöhnliche festzuhalten. Dabei ist es in 50 Jahren bestimmt interessant zu sehen, wie die Kinderwagen heutzutage aussehen. Vielleicht möchte man dann auch nochmal daran erinnert werden, in welchen Hotels man geschlafen hat, was man im Urlaubsland gegessen hat und wer die Mitreisenden waren und nicht nur welche Sehenswürdigkeiten man besichtigt hat. Gerade Dinge, die man oft vor Augen hat, vergisst man gerne in seine Fotogalerie mit aufzunehmen.

 

Bildfolgen

Durch Bildfolgen bringt man Bewegung ins Buch. Der Betrachter ist wieder viel näher am Geschehen, als wenn er nur einen einzigen Auszug aus einer Situation zu sehen bekommt.

Diese Bildfolgen können bestehen aus einer Aufnahme des Eiffelturms am Morgen, einer am Mittag und einer bei Sonnenuntergang. Um den Effekt zu verstärken, ist es wichtig hier die Perspektive genau beizubehalten.

Eine andere Möglichkeit wären ein paar wenige Aufnahmen eines Sonnenunterganges, die innerhalb von vielleicht 5 Minuten gemacht werden.

Und eine witzige Möglichkeit sind Serienbilder. Dabei werden sehr viele Aufnahmen innerhalb einer kurzen Zeit gemacht. Quasi so, dass man danach fast einen Film oder ein Daumenkino daraus machen könnte. Dies wird besonders gern bei Sportaufnahmen gemacht, wäre aber auch vorstellbar, um einen Gesichtsausdruck festzuhalten. Z.B. wenn jemand ein Geschenk auspackt und sich langsam ein strahlendes Grinsen im Gesicht breit macht. Oder um zu zeigen, wie das Baby seinen ersten Brei bekommt.

 

 

Emotionen

Wie ein Film, so lebt auch ein Fotobuch von Emotionen. Diese kann man erzeugen und oftmals ist der Fotograf gefordert, die Portraitierten zum Lachen zu bringen und sie möglichst vorteilhaft darzustellen. In anderen Situationen möchte man wiederum eine authentische Stimmung festhalten. Dann gelingt dies natürlich besonders gut, wenn die Personen sich nicht beobachtet fühlen. Das bedeutet, man darf sich nicht zu auffällig verhalten und muss evtl. auch mal auf den Blitz verzichten.

Auf jeden Fall sollte man sich als Fotograf immer respektvoll verhalten und sich stets die Frage stellen, ob man selbst in der Situation abgebildet werden wollte.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es bei dem perfekten Foto natürlich nicht nur um die Motivwahl geht. Wer hier noch professioneller herangehen möchte, wird sich eingehender mit dem komplexen Thema der Fotografie auseinandersetzen müssen. Neben der Beachtung technischer Grundlagen würde man hier z.B. Licht- und Schattenverhältnissen viel Aufmerksamkeit zukommen lassen, darauf achten, dass kein „schiefer Horizont“ bei den Aufnahmen entsteht und sich ggf. mehr Gedanken dazu machen ein Bild im Hoch- oder lieber im Querformat aufzunehmen. Da sich viele dieser Details jedoch auch in der späteren Fotobuchgestaltung bzw. durch nachträgliche Bearbeitung der Bilder noch regulieren lassen, wird diese Thematik hier nicht näher beschrieben.

Zur Erinnerung: Auch beim Fotografieren sollte man das Drehbuch für das Fotobuch vor Augen haben. Welche Geschichte soll es erzählen, für wen mache ich das Buch, was soll es ausdrücken etc. Tipp: viele Menschen machen Fotobücher als Geschenk für andere. Als Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis oder an eine gemeinsame Reise. Dabei werden die Beschenkten meistens recht häufig abgebildet. Man sollte dabei aber nicht vergessen auch sich selbst zu fotografieren oder fotografieren zu lassen!

 

 

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Autor: | E-Mail: mirja.hespe|at|fotobuchmagazin.de

Ein Kommentar zu “Kapitel 2.3: Tipps zur Fotoauswahl und Motiven für ein Fotobuch
  1. melanie sagt:

    Superschöne Motivzusammenstellungen hast du da Mirja. Mir gefallen vor allem die vielen kleinen Detailfotos wie die Ringe oder Blumen bei dem Beispiel für ein Hochzeitsfotobuch. Man sollte wirklich an solche Aufnahmen von Details denken, weil sich damit gestalterisch so viiiiiel machen lässt, wie man an den Beispieln sehen kann. Dagegen wirken meine Fotobuchseiten wie dumme Aneinderreihungen von Fotos. Ich habe hier einige echt tolle Anregungen mitgenommen und finde diese ganze Reihe super genial. Ein Facebook Up von mir!!!!

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