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Außer der Reihe kommentiert

Wirecard Aktie: Vorwurf Betrug & Bilanzfälschung – was aus journalistischer Sicht aktuell passiert

Von Sven Betting

Der Autor Sven Betting ist Chefredakteur bei FM* – Das Fotobuch Magazin.

Wirecard Berichterstattung

Reißerische Headlines sollen Leser locken!

Seit Wochen sieht sich Wirecard massiven Angriffen der Medien ausgesetzt. Als langjähriger Wirecard Aktionär verfolge ich die Berichterstattung gebannt und bin doch gelassen. Ich kenne die Arbeit der Kollegen nur zu gut. Über 10 Jahre habe ich das Tagesgeschäft in Tageszeitungen kennenlernen dürfen. Ich selbst bin in dieser Zeit schnell mit zugesteckten Informationen an die Öffentlichkeit gegangen, wenn ich einen Skandal gewittert habe (siehe Beispiel eines sehr alten Falls unten). Auf die Vorwürfe gegen Wirecard will ich gar nicht weiter eingehen. Diese sind zu genüge bekannt und werden seit Wochen in verschiedenster Ausprägung mit angeblich immer neuen Details von der Financial Times aber auch durch jede kleine Online Finanzgazette getrieben, die auf Klicks hofft.

Täglich mehrfach wärmt beispielsweise DER AKTIONÄR alte Geschichten auf. Nie war es leichter, mit weniger Aufwand eine Menge Leser zu generieren. Als kleines Foto Magazin mit täglich überschaubaren 5000 Lesern kann ich vielleicht auch was reißen. Am besten lege ich stündlich Aufgewärmtes nach, um noch mehr Klicks zu generieren. Noch schnell für Google News registrieren und die Story mit einer reißerischen Headline on the Top servieren. Denn nur darum geht es. Das Thema zieht, also wird geschrieben, was das Zeug hält. Das die ganze Geschichte auf unbewiesenen Informationen irgendeiner Quelle basiert, wird aktuell dabei kaum noch wirklich erwähnt. Die wenig eindeutige Quellenlage macht es noch schwieriger, die Bedeutung der Informationen überhaupt zu gewichten.

 

Betrugsvorwürfe gegen Wirecard: unklare Quellenlage

Interessant ist dabei auch, dass sich der FT-Autor zutraut, anhand der ihm vorliegenden Dokumente und E-Mails eine mögliche Schuld Wirecards zu erkennen. Merkwürdig, dass eine professionelle Compliance Kanzlei hierfür Monate benötigt und womöglich Kisten voll Dokumente. Zu diesen fehlt Ihnen aufgrund der Beschlagnahmung durch die Staatsanwaltschaft in Singapur nun möglicherweise selbst der Zugang. Mir fehlt bei vielen Journalisten, die das Thema aufgreifen, eine korrekte Gewichtung und Einordnung der Anschuldigungen und eine differenzierte Berichterstattung. Eigene Erkentnisse liegen den deutschen Magazinen ohnehin nicht vor. Meist werden lediglich Berichte der Financial Times aufgegriffen und mit eigenen Worten in die Länge gezogen. So tragen die Medien nicht dazu bei, dem Leser eine objektive Einordnung zu ermöglichen. Vielmehr werden Ängste bei den Aktionären geschürt. Noch mehr Angst bringt noch mehr Leser.

 

Die Wirecard Aktie: Journalisten lassen differenzierte Einordnung der Vorwürfe vermissen

Bemerkenswert ist auch, dass die Journalisten eine Tatsache bei den jetzt neuerlichen Vorwürfen gegen den COO Jan Marsalek als „Mitverschwörer“ völlig außer Acht und auch jegliche Logik dabei vermissen lassen. Und diese Prozesse laufen auch in Ihren großen Verlagshäusern ähnlich ab.  Vor meiner Fotobuch Magazin Zeit war ich bei einem großen Fotodienstleister im Marketing tätig. Interne Prozessabläufe, wenn es um die Begleichung großer Rechnungen und Transaktionen ging, forderten immer eine Vorstandsunterschrift. Diese wurden sich vom Leiter des Marketings oft im Vorbeigehen auf dem Flur eingeholt. Warum lief das so: die Unterschrift des entsprechenden Vorstands war nötig und dieser vertraute dem Marketing Leiter, der den Vorgang im besten Fall zuvor korrekt geprüft hat. Wäre einer dieser Vorgänge mit betrügerischer Absicht dem Vorstand vorgelegt worden, wäre eine Vorstandsunterschrift zu finden. Hatte dieser Kentniss des Betruges: vielleicht ja, vielleicht nein. Die Tatsache alleine genügt da nur für eine „politische“ Verantwortung. Ach ja – falls die ursprünglichen Vorwürfe überhaupt stimmen. Wenn, wenn, wenn!!! Denn die Autoren sehen eine Verschwörung, bei der noch nichteinmal klar ist, dass die Vorgänge, in die der COO „verwickelt“ sein soll, überhaupt illegal sind. Bleibt nicht zuletzt die Frage, aus welchem Grund der COO seine Karriere aufs Spiel setzen soll, um wenige Millionen Euro zu verschleiern.

 

Betrugsvorwürfe gegen Wirecard haben viele Parallelen mit 2016

Als Wirecard Aktionär kommt mir da schnell das Jahr 2016 in den Sinn. Das, was aktuell passiert, gab es bereits alles schonmal. Die gleichen Diskussionen, ähnliche Berichterstattung in den Medien, die teils eher Clickbait Aktionen glichen. Wirecard wurde verteufelt. Am Ende stellte sich heraus, dass die Informationen aus dubioser Quelle nichts als eine Lüge waren. Auch damals ließ sich Wirecard Zeit, die konkreten Vorwürfe zu prüfen. Bis Wirecard die aktuellen Vorwürfe durch den externen Prüfbericht widerlegt oder bestätigen muss, wird das Unternehmen weiter durch tägliche negative Berichterstattung mit immer den gleichen Geschichten konfrontiert werden. Das bringt eben Leser und den Magazinen damit auch Geld.

Fakt ist eins: Die Journalisten müssten in jedem Artikel der Tatsache, dass alle Vorwürfe und auch die stets neuen Ergänzungen auf eine unbelegte Quelle zurückzuführen sind, den gleichen Raum geben, wie dem angeblichen Skandal. Dies findet definitiv nicht statt.

Der Autor des Beitrages ist Anteilseigner von Wirecard.

Ein eigener journalistischer Fehler im Kleinen

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Eigener Beispielfall mit erhobenen Betrugsvorwürfen

Als sehr junger Journalist habe ich 2005 selbst einen unnötigen Schaden ausgelöst. Der Artikel hat den Ruf einer großen Klinik wie auch eines Chefarztest nachhaltig belastet. Auch wenn ich in dem nebenstehenden Artikel schon differenziert vorgegangen bin, habe ich eine wichtige Information schlicht ausgelassen: Die verschwundenen Operationsbücher, die für eine Verschleierung von Betrug taugen sollten, waren nicht der einzige Nachweis. Diesen gab es auch noch in digitaler Form. Der Nachweis musste nur eben seitens der Klinik aufgearbeitet werden, um die Vorwürfe zu entkräften. Dies ist später auch geschehen. Die Klinik hat sofort in einer Stellungnahme reagiert. Doch der Ruf in der Öffentlichkeit war erstmal dahin.

Ich wollte schneller sein als die Konkurrenz. Der Artikel wurde von einem Tag auf den anderen veröffentlicht. Hätte ich weiter recherchieren müssen? Ja!

Berichterstattung zu einem Betrugsvorwurf

Eure Einschätzungen & Kommentare sind willkommen.

Kommentare zur Wirecard Aktie

1 Kommentar

  1. Ich weiß nicht, wie Ihr jetzt auf den Trichter kommt, da ebenso mitmachen zu müssen. Ich habe die Geschichte am Rande in den Medien verfolgt und sage dazu nur eins: in dubio pro reo. Offensichtlich gibt es keine Beweise, also gibt es auch noch keinen Schuldigen. Wird sich zeigen, wer am Ende recht hat. Bis dahin ist es logisch, dass Zeitungen und Medien das Thema aufgreifen. Das ist ja auch schließlich deren Pflicht. Und die Menschen sind Sensationsgierig. Ein gefundenes Fressen also!

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